Von Lotussitz bis Kopfstand – warum ist ausgerechnet Yoga so weit verbreitet?

Gesundheitsübungen aus Asien verbreiten sich um die Welt. Die populärsten Gesundheitsübungen sind mit weitem Abstand die Übungen aus dem Yoga. Warum ist dies so? Was hat Yoga an sich, dass es sich so ausgebreitet hat, sich immer noch weiter verbreitet und anscheinend alle anderen Übungen hinter sich läßt? Warum müssen Lehrer für andere Gesundheitsübungen um Schüler kämpfen und die Yogaklassen sind voll? Es gibt schließlich keinen Konzern, der die Rechte an den Yoga Übungen besitzt und aggressiv verbreitet. Warum sprechen besonders die Yoga Übungen so viele Menschen an? Es sind meiner Meinung nach eine Reihe von Gründen, die zusammen eine Sogwirkung entwickeln, die Yoga immer populärer macht.

 

* Yoga ist eine Erfindung Westens

Was ist Yoga eigentlich? Das sind uralte spirituelle Übungen aus Indien, die auch der Gesundheit zugute kommen. So jedenfalls die allgemeine Ansicht. Es wird aber auch die Meinung vertreten, dass die Yogaübungen zwar in Indien entwickelt wurden, aber nicht von einsamen Fakiren, sondern vom Christlichen Verein junger Männer (YMCA). Das Turnen ohne Turngeräte wurde im Westen gerade populär und der YMCA verbreitete es auch in Indien, indem er bekannte Yoga Posen um viele neue Bewegungen erweiterte. Diese Übungen wurden mit etwas Spiritualität versehen und dann in den USA von den immer geschäftstüchtigen Amerikanern in ihren Workshops verkauft.
Wer sich mehr für das Thema „Yoga ist eine Erfindung des Westens“ interessiert, dem empfehle ich den Spiegel-Artikel „Erlösung ohne Erlöser“ (Spiegel 31/2013, Seite 96) und das Buch von Mark Singleton „Yoga Body: The Origins of Modern Posture Practice“.
Ob diese Theorie stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber die Übungen im Yoga sind schon in einer Art systematisch geordnet, dass sie dem Denken der Menschen im Westen entsprechen. Wie in einem Katalog gibt es drei große Kategorien (Körperübungen, Atemübungen, Meditationsübungen), die wieder unterteilt sind in Unterkategorien.

 

* Die Übungen im Yoga sind wie Bausteine in einem Baukasten

Das Praktische am Yoga ist, dass die Übungen in jeder beliebigen Reihenfolge trainiert werden können. Vorgegebene, ineinander greifende Choreographien wie beim Qigong oder Tai Chi gibt es nicht. Jeder Yogalehrer kann sich seine eigene Übungsfolge zusammenstellen und jeder Schüler auch.
Chinesische Kampfkünste und Gesundheitsübungen dagegen zeichnen sich darin aus, dass sie in viele Stile und Unterstile unterteilt sind, die sich immer auf eine Tradition berufen. So eine traditionelle Kampfkunst-Choreographie zu lernen braucht seine Zeit, das dauert Jahre und Jahrzehnte.
Beim Yoga ist dies anders. Jedenfalls so, wie es heute praktiziert wird. Das ist praktisch für die Schüler und paßt in die heutige Zeit, in der ein Fitnesstrend den anderen jagt. Yoga paßt immer in die Zeit.

 

* „Yoga“ ist ein Markenname, den jeder verwenden kann

Das Wort „Yoga“ ist eine positiv besetzte Marke, die praktisch jeder kennt. Um ein Yogaprodukt anzubieten, braucht man niemanden zu fragen. Yoga ist nicht geschützt. Und Yoga kann man mit so vielem verbinden; es sind nicht einfach nur Übungen, es ist ein Lebensgefühl. Angebote verkaufen sich besser, wenn sie mit dem Begriff „Yoga“ versehen sind. Darum geschieht das oft und auch so wird die Popularität von Yoga weiter erhöht.

 

* Immer neue Yogastile schießen wie Pilze aus dem Boden

Beim Tai Chi ist es beispielsweise vielen Übenden wichtig, den „wahren, ursprünglichen Stil“ zu praktizieren. Das scheint es beim Yoga so nicht zu geben. Im Gegenteil. Man kommt gut an, wenn man einen eigenen, modernen Yoga Stil entwickelt. In den USA sind selbst entwickelte Yogaübungen sogar schon als Patent angemeldet worden. Ja, man kann sich einen Yogastil für eine bestimmte Zielgruppe zurechtzimmern. Yogaübungen sollen helfen beim Straffen von Bauch, Beine und Po. Es gibt Yogaseminare für Führungskräfte, Manager und Selbstständige. Yoga für Kinder ist ein großer Trend. Es gibt Yogakurse für Reiter und für Skifahrer. Es gibt Yogakurse für Hunde. Es werden Yogaübungen gelehrt, mit denen Botox überflüssig werden soll. Kosmetik soll überflüssig werden durch die Anregung der körpereigenen Biochemie. Das paßt hervorragend in den andauernden Trend zur Selbstoptimierung.
Oder Yoga wird mit anderen Übungen zu einem neuen Übungssystem kombiniert; dieses neue Übungssystem bekommt dann einen Phantasienamen, der als Marke eingetragen wird. So entstehen neue Kurse in denen Yoga verbunden wird mit Pilates, Ballett oder sonstigem. Man kann zu blieben Übungen etwas Yoga dazu tun, so wie man an ein Gericht noch etwas Salz dazu tut. Yoga ist eine universale Zutat.

 

* Prominente und Yoga

Viele Prominente haben Yoga für sich entdeckt, auch um ihr Image zu verbessern oder um Geld zu verdienen. Sie bringen Bücher und DVDs heraus, in denen sie ihre Yogaübungen zeigen, oder sie tun dies in Videoclips im Internet. Oder sie lassen sich selbst zur Yogalehrerin ausbilden. (Es sind meistens Frauen.) Das scheint gut zu funktionieren. Zeitschriften bringen gerne Artikel mit Yogaübungen. Das interessiert die Leser(innen) und wenn die Übungen noch von Prominenten demonstriert werden, umso besser. Das hilft beim Verkauf der Zeitschrift und es hilft dem Image der Prominenten.

* Sonstiges

– Zum Thema gesunde Ernährung hat sich eine eigene kleine Industrie gebildet, in der sich auch die Yogaernährung einen Platz erobert hat.

– Es hat sich eine spezielle Yogamode entwickelt.

– Es gibt nicht nur Reiseveranstalter, die Yogareisen anbieten, es gibt Reiseveranstalter, die sich auf Yogareisen spezialisiert haben.

 

Autor: Heiko Zaenker